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Shadows Story
An dieser Stelle möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Und zwar
die Geschichte meines Pferdes Shadow und wie er es geschafft hat mein ganzes bisheriges Leben auf
den Kopf zu stellen. Ohne ihn hätte es dieses Buch hier nie gegeben, deshalb „Ehre dem dem Ehre
gebührt“:
Wo Shadow genau herkommt bleibt bis heute im Verborgenen. Angeblich soll er als
Absetzer irgendwann auf einem Pferdemarkt verkauft worden sein. Jedenfalls landete er im Alter
von 2 Jahren irgendwo bei Mainz, wo er dann bis zum Alter von 3 Jahren mutterseelenallein auf
einer Koppel stand und die einzige Abwechslung wohl 2 Hunde waren, die sich einen Spaß daraus
machten ihn stundenlang über die Weide zu hetzen. Irgendwann entwickelte er sich dann wohl
zu einem ernsthaften Problem und kam 1998 zur Korrektur und zum Verkauf auf der Red Rock Ranch
in Herbolzheim zu Dieter Hämmerle. Schon Shadows Ankunft auf dem Hof verhieß nichts gutes - denn
als die Rampe von dem nagelneuen Hänger heruntergeklappt wurde, lag der kleine Bursche VERKEHRT
herum drin, die Füße durch die Trennwand durchgeschlagen! Der 3 jährige Tigerschecke kannte
weder Halfter noch Strick, ließ sich nicht anfassen ohne regelrecht zu explodieren und betrachtete
Menschen wohl als Kegel, die man mit ordentlich Schwung umwerfen kann!
Dieter Hämmerle, welcher jahrelange Erfahrung besonders mit Problempferden hatte, hatte auch
seine liebe Mühe mit dem ungestümen jungen Burschen. Mehrfach griff ihn der kleine Rüpel im Round
Pen oder auf der Weide an und machte sich nun seinerseits einen Spaß daraus die Hunde des Hofes
oder auch unwissende Reitersleut über die Weide zu hetzen! Nach einigen Monaten beschloß Dieter
dann den kleinen Raufbold einfach in die Herde zu stellen, in der Hoffnung daß er somit vielleicht
doch eher erwachsen werden würde. Er ignorierte Shadow schlichtweg, beschäftigte sich ausgiebig
mit den anderen Pferden der Weidegruppe und ließ den jungen Wallach stets links liegen. Und dann,
nach fast einem halben Jahr, schien ein Wunder zu geschehen - Shadow wich Dieter nicht mehr von
der Seite und WOLLTE plötzlich Anschluss! Dieter begann mit dem Trainingsprogramm wieder von vorne
und bald schon trug Shadow seinen ersten Sattel und ersten Reiter - natürlich wieder nicht ohne
Zwischenfälle, aber es kam wenigstens niemand mehr ernsthaft in Lebensgefahr. Hiernach beschloss
Dieter Shadows Besitzer, der sich bisher nicht mehr hatte blicken lassen, zu informieren, dass er
den Kleinen nun doch wieder abholen könnte - und er auch mal bitte sehr das GELD mitbringen könnte.
Auf das Geld würde Dieter wohl noch heute warten und da Shadows ehemaliger Besitzer eher Ambitionen
zeigte Shadow schnurstracks ins Schlachthaus zu fahren um mit diesem Geld dann die Trainingskosten
begleichen zu können, kaufte Dieter ihm Shadow einfach ab. Dieter war damals wohl der einzige, der
an das Gute in diesem Pferd glaubte. Auch wenn Shadow alles andere als das geborene
Westernlehrpferd war - außer Sattelfestigkeit und wie man sich wohl am geschicktesten abrollte
wenn er mal wieder steigt und man herunterkugelt lernte man auf ihm wohl nicht viel und auch die
Reitschüler sahen ihn wohl lieber im Stechtrab über die Weide schweben, nur ums Reiten riss sich
keiner!
1999 beschloss Dieter dann für den recht unterbeschäftigten Shadow ein neues
Zuhause zu suchen und bot ihn zum Verkauf an. Doch entweder war er den Interessenten schlichtweg
zu wild - oder Dieter, seine Lebensgefährtin Katja Schäfer und Co Trainer Markus Weber brachten es
einfach nicht übers Herz Shadow gewissen Interessenten mitzugeben. Wohl gerade WEIL Shadow das
ewige Sorgenkind auf der Ranch war und so viele Probleme bereitet hatte hingen nun alle immens
an ihm. Einmal verkaufte Dieter ihn dann doch, doch als er dann zur „Nachkontrolle“ ihn völlig
verstört in einer stockdunklen Gitterbox vorfand, nahm er ihn einfach wieder mit und macht den
Verkauf rückgängig.
Als ich 1999 mein erstes Buch „Pferde der Welt - Gangpferde“ für Müller
Rüschlikon vollendet hatte beschloss ich mir von dem hiermit verdienten Geld endlich meinen
Lebenstraum zu erfüllen - ein Pferd. EIGENTLICH wollte ich ja ein Gangpferd kaufen, was fertig
ausgebildetes, am liebsten einen Rappen. So fuhr ich dann 8 Wochen lang von Pontius nach Pilatus,
doch nirgends gab es ein Pferd das mir spontan gefiel - oder das bezahlbar gewesen wäre!
Letztenendes gab ich die Sache mit dem Gangpferd dann auf und beschloss Dieter, mit dem ich als
Journalistin ja schon zu tun gehabt hatte anzurufen und mal anzufragen. Und tatsächlich hatte
er gerade 2 Pferde in meiner Preisklasse - eine Quarter Pony Stute und Shadow. An Shadow
verschwendete ich damals keinen Gedanken, da auch ich einmal fast eines seiner „Kegelopfer“
geworden bin und fuhr nach Herbolzheim um die Ponystute anzusehen. Es war Antipathie auf beiden
Seiten auf den ersten Blick!
Und ehe ich mich versah zog Dieter mich auch schon in Richtung
Shadow - „Nur mal angucken!“
Tja, und da stand er. In einer viel zu großen, ziemlich abgewetzten Pferdedecke, das einzige Weiße
noch die Ohrenspitzen. Zum zerreißen gespannt. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick. Rausholen,
Freilauf, longieren, reiten ohne Sattel, reiten mit Sattel, Ausritt - Shadow hatte nur Blödsinn
im Kopf und schien wirklich vor seinem eigenen Schatten zu erschrecken, seine Lieblingsgangart
war „volles Rohr Kreuzgalopp“ - aber er war einfach nur süß. Also kaufte ich den kleinen
Rabauken. An „nur reiten“ war da von Anfang an nicht zu denken - denn es war Shadow anfangs
einfach zu öde mich durchs Gelände zu tragen!
Seine Eignung für Zirkuslektionen hatte Dieter schon entdeckt und mit Shadow schon die eine oder
andere Lektion in „Rohversion“ versucht. Natürlich KONNTE Shadow die Lektionen noch nicht
wirklich - aber er machte alles bereitwillig mit und schien danach immer zu fragen „Ja, und
JETZT?? Was machen wir jetzt?“
Shadow war nie ein Pferd das man einfach 1x pro Tag aus
der Box holen und 45 Minuten gesittet reiten konnte - er wollte jeden Tag ein anderes
Animationsprogramm. Ich mußte also sehr erfinderisch werden. Das war jedoch in einem Umfeld
aus etwas engstirnigen reitenden Zeitgenossen ( „das war schon immer so, also bleibt es auch
so“ oder besser noch „hatten wir nicht, haben wir nicht , also brauchen wir es nicht!“) recht
schwierig war. Ich war also schnell mit meinem „Zirkusgaul“ die Lachnummer schlechthin. Dennoch
wuchsen Shadow und ich durch dieses gemeinsame „Herumexperimentieren“ dann mehr zusammen als
ich es mir je erträumt hätte. Leider hatte ich damals niemanden der mir bei dieser Art des
Trainings hätte helfen können und das in manchen Büchern zu diesem Thema geschriebene
funktionierte bei Shadow meistens einfach nicht! Es war also ein reiner „Learning by Doing“
Prozess, bei dem ich dann jedoch gezwungen war mich immer mehr in Shadow hineinzuversetzen, zu
überlegen WIE er wohl denkt, WAS anatomisch überhaupt möglich ist, welche Reihenfolge wohl sowohl
körperlich als auch geistig logisch wäre....
Die Resultate kamen nicht von heute auf morgen.
Um genau zu sein verbrachte ich die ersten 6 Monate mit Shadow lediglich damit ihn davon
abzuhalten mich umzurennen oder über das Geländer Autobahnbrücke zu befördern. Er testete einfach
erst einmal wieder systematisch wie weit er gehen konnte und bis heute respektiert er die
Grenzen nur bei demjenigen der sie ihm gesetzt hat. Mit Kindern bewegt er sich wie auf rohen
Eiern und macht schlichtweg alles mit. Bei Sita Stepper geht er in schönster Manier alle
klassischen Seitengänge auf Bit einhändig. Edwin Tillisch trägt er mit größter Gelassenheit
durch den Schwarzwald - obwohl er gar nicht reiten kann! Und bei Eva Baumann hingegen glaubt
er sich im Gelände von Killerspatzen, Orks und Gremlins umzingelt wenngleich aber ihre Hündin
„Cindy“ einer der wenigen Hunde ist die er wirklich mag und in seiner Nähe duldet - wenn Eva
dabei ist wohlgemerkt ! Dem 6 Jahre alten Alexander Schuster kommt er freudig auf der Weide
entgegen getrabt - während er bei einer meiner ehemaligen Reitbeteiligungen regelmäßig die Flucht
ergriff! Shadow scheint mittlerweile uns Menschen nicht mehr als „Kegel zum umrennen“ zu sehen,
sondern als Kumpels mit denen man Spaß haben kann. So kann es schon vorkommen, dass sich Dieter
bei einer Show auf Shadows blanken Rücken schwingt und ihn steigen lässt - und es sieht so aus
als wäre Shadow immer noch sein Pferd! Oder Shadow begrüßt unseren Futterhändler Markus Weber
stets damit, daß er ihm die Baseball Kappe vom Kopf zieht! Aber eines ist immer gleich: Shadow
begegnet jedem Menschen mit großer Neugierde und Freundlichkeit. Ein immenser Sinneswandel für
ein Pferd, das früher in uns Menschen nur ein lästiges Übel sah!
An Auftritte oder gar Kurse habe ich selbst nie gedacht - bis dann im Sommer 2000 Dieter aus
heiterem Himmel bei mir anrief. Ob ich bei seinem Tag der Offenen Tür nicht etwas mit Shadow
vorführen könnte. Natürlich funktionierte damals noch so gut wie gar nichts - aber Shadow hatte
wirklich Spaß an der Sache und schien um 10 cm zu wachsen als der Applaus losbrach. Ich dachte
es würde bei diesem einen Auftritt bleiben, doch im Frühling 2001 klingelte wieder das Telefon,
wieder Dieter - ob ich nicht Lust hätte auf eine kleine Westernshow mitzukommen, in der Nähe von
Saverne, Frankreich. Nur was GAAANZ kleines, nur Westernfreaks unter sich - na ja, wenn DAS für
Dieter klein war, dann wollt ich nicht wissen was er als GROSS bezeichnet! Mein erster RICHTIGER
Auftritt fand dann nämlich vor 5000 Leuten statt - und das in einem Showprogramm das berühmte
Leute wie Jean Marc Imbert mit seinen gigantischen Kosakennummern und Freiheistdressuren
beinhaltete! Mir rutschte das Herz bis in die Schuhsohlen als ich diese riesige Arena betrat -
aber wieder schien Shadow neben mir um gut 10 cm zu wachsen, er bauschte sich regelrecht auf und
machte die Show fast alleine. Ich ließ ihn abknien und war mir aber fast sicher dass er
angesichts der 5000 tobenden Westernfans gleich wieder aufspringen würde. Stattdessen LEGTE
Shadow sich einfach mitten in die Arena und sah mich mit großen Augen an „Ja was denn, nicht
schmusen?“ Also setzte ich mich zu ihm, er legte mir den Kopf in den Schoß und wir schmusten
während Dieter mit seinem Hengst Hollywoods Lead Man eine rasante Reining um uns herumritt.
Auch meinen ersten Kurs habe ich bei Dieter auf der Red Rock Ranch gegeben, so führte irgendwie
immer eines zum anderen. Im Dezember 2001 lernte ich beim Weihnachtsreiten in einem Reitverein
um die Ecke Sita Stepper von der Mocha Oak Ranch kennen, im Sommer 2002 gab ich auch dort dann
einen Zirkuskurs - und im Herbst 2002 zog Shadow dann vollends auf die Mocha Oak Ranch um, wo
er manchmal sogar beim Training seinen vielgeliebten Applaus bekommt.
Shadows „Jugend“ war vielleicht nicht gerade optimal und ich bin mir sicher dass all die Faxen
und Probleme die er immer gemacht hat, nicht mehr als ein Hilfeschrei waren. Denn eigentlich
muss ich sagen ist er das liebste und ehrlichste Pferd das mir je begegnet ist. Er will einfach
nur dabei sein, Zuspruch haben und natürlich geknuddelt werden. Er macht wirklich alles mit -
und wenn er mal zu etwas NEIN sagt, dann hat er es einfach nicht richtig verstanden, ansonsten
ist er nun stets bemüht sein bestes zu geben. Und seit wir unsere anfänglichen Schwierigkeiten
in Sachen Kommunikation und Vertrauen überwunden hatten, hat er mich nie im Stich gelassen. Sei
es auf einer Show, einem Turnier oder Zuhause im Training oder beim Ausritt.
Wahrscheinlich hat das Einstudieren der Zirkuslektionen und die abertausenden von Stunden, die
ich mit ihm bei Wind und Wetter zusammen verbracht habe schon etwas damit zu tun dass er jetzt
ein ruhiges, zufriedenes und im höchsten Maße selbstbewusstes Pferd geworden ist. Aber man kann
kein Tier wirklich ändern. Man kann ihm nur die Chance geben wieder seine beste Seite zu zeigen.
Dieter, Katja und Markus von der Red Rock Ranch haben Shadow eine neue Chance gegeben. Wer weiß
wo er ohne sie gelandet wäre. Auf der Mocha Oak hat er endlich wieder ein Zuhause wie damals auf
der Red Rock Ranch gefunden wo er sich wohl fühlt und ein Umfeld, das nicht auf den „Zirkusgaul“
hinuntersieht, sondern eher ein Kopfschütteln und ein Lächeln für seine Kaspereien übrig hat.
Dieses Buch zeigt nur einen kleinen Teil des Weges, den Shadow und ich zusammen gegangen sind. Es
war ein steiniger Weg - und auch ein einsamer, da wir anfangs weder Hilfe noch Verständnis von
außen bekamen.
Im Winter 2003 endete dann auch das allseits beliebte Spiel „Rasseraten“
bei Shadow. Durch meine Kontakte in die USA wurde ich auf die Tiger Horse Registry aufmerksam,
welche sich der Rückzüchtung der so genannten „Himmelspferde“ der Antike verschrieben hatte. Die
Pferde auf der Homepage sahen Shadow so ähnlich dass ich beschloss es zu versuchen. Ich
fotografierte Shadow aus nur jedem erdenklichen Winkel und wir verbrachten viele Wochen damit
eine aussagekräftige DVD zu erstellen, welche auch seine Spezialgangarten „Indian Shuffle“ und
„Spanish Walk“ zeigte, die ich im Laufe des Jahres 2003 bei ihm entdeckt und gefördert hatte.
Lange hörte ich nichts aus New Mexico – bis dann eine Email kam. NATÜRLICH wird Shadow eingetragen,
da er haargenau dem Zuchtziel entspricht, sowohl was Exterieur, Intertier und natürlich Gangwerk
anbelangt. Und so kam es dass ich mit einem Mal das ERSTE männliche Tiger Horse in Europa besaß!
Ich hoffe, dass Shadows Geschichte auch anderen Pferdebesitzern Mut macht. Denn ich denke da
draußen gibt es noch viele kleine Shadows, die nur darauf warten, dass man ihnen eine Chance
gibt zu zeigen was wirklich in ihnen steckt!
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